Zwischen Sagen und Discman

Wenn ich an den Harz denke, sehe ich viele Bilder an mir vorbeiziehen, viele kräftige und sonnige, aber auch viele graue und wolkenverhangene. Es fühlt sich an wie in einem Film, eigentlich meinem Film. Ich fahre Kurven entlang, streife durch Wälder und Berge, sehe die dicken Nebelschwaden und manchmal die grelle Sonne direkt vor meinen Augen.

 

In meinem Kopf hält sich die Überzeugung, dass Kinderaugen mehr sehen als die von Erwachsenen. Meine kindlichen Augen sahen vor allem, wie Bodo der Riese die schöne Prinzessin Brunhilde jagte, wie sie beide über die Schlucht sprangen und wie ein schwarzer Hund heute dort unten kauert und die Krone bewacht. Ich würde nicht sagen, dass es zu einem sonderlich wohligen Gefühl beigetragen hat, wenn man als Kind oben am Hexentanzplatz stand und in die Tiefe geschaut hat, aber auf jeden Fall kann ich sagen, dass der Harz die perfekte Kulisse für meine kindliche Fantasie war, aber mich auch gleichzeitig hat ehrfürchtig werden lassen. Dass ich auf eine düstere Weise fasziniert war von den Sagen, Geschichten und Gestalten und dass ich am Montag in der Schule saß und nach einem Wochenende im Harz meine Lieblingssage nacherzählen konnte.

 

Wenn ich heute durch meine Augen als Erwachsene blicke, dann ist da noch viel mehr als die Sagen und Geschichten. Dann sind da meine Großeltern, die meine Hand halten, während wir am Hexentanzplatz stehen. Mein Opa, der mir unbedingt die Baumannshöhle und die Hermannhöhle zeigen will. Meine Oma, die mich fragt, ob wir eine Suppe an der Gulaschkanone essen wollen. Und nicht zuletzt, wie ich mich vor Lachen nicht mehr einkriege, wenn ich mir die Gulaschkanone bildlich vorstelle.

 

Es gab auch eine lange Zeit, da konnte ich überhaupt nichts mit dem Harz anfangen. Da saß mein 16-jähriges Ich gelangweilt mit seinem Discman auf dem Rücksitz des Autos seiner Eltern, hörte Punkrock und fragte sich, ob es beim Ausflug in den Harz vor Langeweile oder Einsamkeit sterben würde. Denn wer als Jugendlicher schon mal länger als 30 Minuten mit seinen Eltern und Großeltern durch die Harzer Wälder gestreift ist, der weiß, wie einsam es sich anfühlen kann. Auch die menschenleeren Dörfer, eins nach dem anderen. Die makellose Decke aus Schnee, die den Boden und die Dächer bedeckt und alles Verborgene erst dann wieder freigibt, wenn der Frühling kommt. Es ist schon komisch, dass manche Schönheit einem verborgen bleibt, wenn man nur lang genug die Augen davor verschließt.

 

Und so kam auch bei mir die Zeit, in der ich nichts sehnlicher wollte, als aus meiner alten Heimat wegzuziehen. Raus in die große Stadt und dahin, wo es sich nach Leben anfühlt. Doch auch die große Stadt wird irgendwann zu einem Ort, an dem der Alltag kommt, an dem man manchmal glücklich ist, manchmal traurig. An dem an manchen Tagen die Sonne scheint, an anderen trotz so vieler Menschen nur die Einsamkeit bleibt oder genau deswegen. In solchen Zeiten hilft es mir heute zu wissen, dass es diese Orte wie den Harz gibt. Orte, an die man sich flüchten kann, wenn man keine fremden Menschen sehen möchte. Wenn man nichts braucht außer sich selbst und seine Familie. Ich habe mittlerweile gelernt, dass Einsamkeit nicht immer etwas Schlechtes ist. Dass es gut sein kann, Zeit mit sich selbst und mit den wenigen wirklich wichtigen Menschen zu verbringen, um zur Ruhe zu kommen. Ich könnte mir auch heute nicht vorstellen, im Harz zu wohnen, aber heute gelingt es mir, auf dem Rücksitz zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und wieder Augen für die Schönheit und Rauheit der Natur zu haben. Für die verschwommenen Erinnerungen, die zurückgelassenen Gefühle und die aus Kindheitstagen verblasste Aura, die sich erst wieder zeigen, wenn sie von einer Kulisse wie dieser zum Leben erweckt werden.

Autorin: Christine Ladehoff
christineladehoff.com

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